Der Beginn einer Pfarrseelsorge in Obernzell ist, neben der oberhirtlichen Fürsorge der Bischöfe von Paßau, bei einem hochadeligen Geschlecht zu suchen, das nach dem Sieg von Kaiser Otto I. über die Ungarn auf dem Lechfeld im Jahre 955 in unserem Gebiet eingesetzt wurde, um die Zerstörungen während der Ungarneinfälle zu beseitigen und eine Neukolonisierung einzuleiten.

Als Grafschaftsinhaber im "Ilzgau", dem späteren "Land der Abtei", errichtete dieses Edelgeschlecht um das Jahr 1 000 seine Hauptburg nördlich von Obernzell am Griesenbach. Kaiser Heinrich 11. schenkte 1010 der Reichsabtei Niedernburg einen Teil des Nordwaldes in der Grafschaft eines "Adalbero". Die Grenzen dieser Grafschaft erstreckten sich von der IIz bis zur Rodel (nordwestlich von Linz) und von der Donau bis zur Grenze des Böhmerwaldes. Ein weiterer Adeliger, der sich bereits "Adalbero von Griesbach" nannte, erscheint in einer Urkunde vom Jahre 1 098. Dieser schenkte 1125 seine Kirche in Lasberg (zwischen Kefermarkt und Freistadt im Mühlviertel) an das Paßauer Kloster St. Florian (südöstlich von Linz). Die Nachkommen dieses "Adalbero von Griesbach" hatten das Patronatsrecht an der Pfarrkirche zu Gramastetten (nordwestl. von Linz) und der letzte Sproß aus dem Hause der Griesbacher, der sich "Heinrich von Weßenberg" nannte, war um das Jahr 1217 Pfarrer von Gramastetten und Domherr in Bamberg.

Die enge Verbindung der "Griesbacher" mit den Bischöfen von Paßau und anderen kirchlichen Institutionen läßt den Schluß zu, daß zur Zeit ihrer Herrschaft im IIzgau bereits Eigenkirchen dieses Geschlechts bestanden haben, also schon vor dem Erwerb dieses Gebietes durch die Bischöfe von Paßau im Jahre 1217.

Bei der ersten Erwähnung einer Pfarrei Griesbach, die uns in einer Urkunde vom 28. Juni 1239 mit der Bezeichnung "parrochie in Gryehspach" überliefert ist, werden wohl in "Griesbach am hohen Markt" (heute Untergriesbach) und auch in "Griesbach in der Zell" (heute Obernzell) Kirchen bestanden haben. Es handelte sich organisatorisch um eine Doppelpfarrei, der wahrscheinlich auch Gottsdorf als Filiale angeschloßen war.

Die historische überlieferung, Griesbach sei eine Filiale von Esternberg (südlich der Donau) gewesen, kann guten Gewißens nicht mehr aufrechterhalten werden. Diese Fehlinterpretation entstammt einer Urkunde aus dem Jahre 1223, in der von einem Tausch berichtet wird, den Graf Konrad von Waßerburg (Vichtenstein) mit Eberhard von Johannsdorf, Pfarrer von Osterberg (Este rn berg) getätigt hat. Darin wird die Pfarrei Esternberg mit den Filialen Pirchenwang (Pyrawang) und Griezpach genannt. Mit der "Fialale Griezpach" war jedoch nachweislich die Kirche und Ortschaft "Kasten" gemeint, die zu der damaligen Zeit "Griezpach juxta castrum Viechtenstein", also "Griezpach nahe bei der Burg Viechtenstein" genannt wurde.

Die urkundlich belegbare Geschichte der Pfarrei Griesbach, als Doppelpfarrei mit der Filiale Gottsdorf, beginnt also mit der vorgenannten Urkunde vom 28. Juni 1239. Der Passauer Bischof Rudiger von Bergheim (Radeck) (1233-1250) verbietet mit dieser Urkunde die Veräußerung des Zehnten der Pfarrei in "Gryehspach". Diese Abgaben an die Kirche waren für die Verrichtung des Küsteramtes bestimmt, sind aber "einst durch die Nachläßigkeit gewisser Kleriker" veräußert worden. Aus dem Urkundentext ist zu entnehmen, daß die Rückforderung dieser Zehenten durch den Magister Aeinwicus "unsern Küster" (Hüter des Kirchenschatzes) und den Pfarrer Otto veranlaßt wurden. Da die Burg Griesbach mit den Zugehörungen und mit diesen auch die "beiden Griesbach" (Untergriesbach und Oberzell) nach 1220 Eigentum des Bischofs wurden, muß angenommen werden, daß die Einnahmen aus der Doppelpfarrei dem Bischof zustanden und vom Domkapitel, in diesem Fall vom Küster, Aeinwicus, verwaltet wurden. Somit muß auch der Pfarrer dieser Pfarrei dem Klerus der Domkirche angehört haben. In der Reihe- der Kanoniker zu dieser Zeit ist nur ein einziger mit dem Namen Otto aufgeführt, nämlich: "Otto von Lonsdorf sen. (Sohn des Heinrich von Lonsdorf, Truchseßes des Bischofs Wolfkerl, urk. 1242-1254, Archidiaconus Maticensis (1240-1254), Custos (1253), Pfarrer in Wartberg (1250). Er wurde 1254 Bischof von Passau".

Die Untersuchung dieser Zusammenhänge läßt den Schluß zu, daß Otto von Lonsdorf als junger Kleriker an der Domkirche mit ca. 39 Jahren Pfarrherr der Doppelpfarrei Griesbach war, auch wenn er in der Abhandlung von Dr. Ludwig Heinrich Krick, "Das ehemalige Domstift Passau", erst mit dem Jahre 1242 als urkundlich erwähnt verzeichnet ist.

Sein Vater Heinrich von Lonsdorf stand schon unter Bischof Wolfker (1191-1204) und dessen Nachfolger in bischöflichen Diensten und somit hat Otto von Lonsdorf als Student und junger Kleriker unmittelbar an den Schaltstellen bischöflicher Politik die Verleihung des Fahnlehens über IIzgau 1217 durch Kaiser Friedrich 11. an Bischof Ulrich 11. (1215-1221), sowie die Übernahme der Griesbachischen Besitzungen 1217-1220 durch denselben Bischof miterleben können.

Wenn Otto von Lonsdorf dann nach seiner Wahl zum Fürstbischof (1254) den Bürgern der beiden Griesbach im Jahre 1263 (früher als den Bürgern anderer Märkte im Land der Abtei) auch die Marktrechte bestätigte, dann kann das auch auf die frühere Tätigkeit als Pfarrer und auf seine Ortskenntnisse zurückzuführen sein. Nicht umsonst hat er im Ilzstadtweistum von 1256 mehrmals darauf hingewiesen, daß Heinrich von Wessenberg (der letzte Griesbacher) an mehreren Orten im "Land der Abtei" das Gericht und die Vogtei ausgeübt hat.

Es ist nach wie vor umstritten, wo der Sitz dieser Doppelpfarrei zu suchen ist. Verschiedene Kriterien berechtigen dazu, diesen Pfarrsitz in Obernzell zu suchen.

Als Altpfarrei wird man wohl die "parrochie in Gryehspach" bezeichnen müssen, auch wenn sie erst in der Urkunde von 1239 genannt wurde. Sie gehörte aber nachweislich nicht zu der Altpfarrei Kellberg und, wie bereits oben ausgeführt, sie war auch keine Filiale der Altpfarrei Esternberg.

Mit den Altpfarreien waren zumeist größere landwirtschaftliche Betriebe verbunden. In Obernzell bestand dieser landwirtschaftliche Pfarrhof neben der früheren Pfarrkirche St. Margaretha, der heutigen Friedhofskirche, bis 1929. Das ganze umliegende "Kirchenfeld" stand dem Pfarrer als landwirtschaftliche Nutzfläche zur Verfügung. Insgesamt gehörten zum Pfarrhof Obernzell ca. 55 Tagwerk Grundstücke. Daneben erhielt der Pfarrer in Obernzell, nach alten Schriftstücken im Marktarchiv, noch Einkünfte von je zwei "Stiftbauern" zu Unteröd, Harsdorf und Pfaffenreut, sowie Zehenteinkünfte (Naturalabgaben) von Bauern in Ziering, Niedernhof, Ederlsdorf, Haar, Rackling, Leopoldsdorf, Grub, Oed, Erlau, Hanzing, Niederndorf, Bernbachmühle und Hötzmannsöd.

Bei der Anlage des neuen Friedhofes neben der alten Pfarrkirche St. Margaretha in Obernzell kamen 1981/82 Tonscherben zum Vorschein, die völlig identisch sind mit den Keramikfragmenten, die in den letzten Jahren durch den Kreisarchäologen bei der Burg Griesbach geborgen wurden. Sie sind somit in das 12. und 13. Jahrh. einzuordnen. Diese Umstände deuten darauf hin, daß sich der Sitz des Pfarrhofes für die frühere Doppelpfarrei "Griesbach am Hohen Markt" und "Griesbach in der Zell" in Obernzell befunden hat. Eine Verselbständigung der beiden pfarrorte und der Filiale Gottsdorf begann vermutlich schon zum Ende des 14. Jahrh., denn bereits 1429 werden die drei Pfarreien in den bischöflichen Matrikeln getrennt aufgeführt.