Krippenbauverein

Am Dienstag in der Karwoche transportieren die Mitglieder des Krippenbauvereins mit Hilfe des Krans von der Werkstatt auf dem Dachboden der Pfarrkirche hinunter und stellen sie vorne rechts im Kirchenschiff auf, wo zur Weihnachtszeit auch die Krippe steht.

Am Schluss des Abendmahlsgottesdienstes am Gründonnerstag überträgt der Priester nach der Entblößung der Altäre das Allerheiligste in den Tabernakel auf dem Seitenaltar und stellt die Monstranz ins Hl. Grab. Im großen Pfarrsaal versammelt sich die Gemeinde dann zu einer Agape mit Meditation und Liedern, dazu werden Fladenbrote, einfacher Brotaufstrich und Wein von Mitgliedern des Pfarrgemeinderates gereicht. Nach dieser Mahlfeier versammeln sich alle noch einmal in der dunklen Kirche zur so genannten Ölbergwache vor dem Heiligen Grab, das mit einem roten Vorhang geschlossen ist.

                                            

Am Schluss liturgischen Feier des Karfreitags wird der Vorhang zur Grablegung geöffnet. Dabei wird mit einer eigens gebauten Vorrichtung das Gemälde mit dem Leichnam Jesu ins Grab hinab gelassen. Im Grab leuchten die farbigen Kugeln. Bis zum Abend und am darauf folgenden Vormittag des Karsamstages ist die Bevölkerung zur stillen Anbetung eingeladen.

                                            

Am Karsamstag erstrahlt beim Gloria der Osternachtsfeier unter Glockengeläute und Orgelspiel die Kirche wieder in hellem Licht. Ein Messdiener zieht die Bildtafel mit dem Leichnam Jesu wieder nach oben, das Grab ist leer. Die weißen Grabtücher werden ins Grab gelegt und der Priester stellt die Statue des auferstandnen Jesus mit der Siegesfahne in den Tabernakelraum über dem Altartisch. Die farbigen Glaskugeln verbreiten ihr magisches Licht.

                                            

Von Ostersonntag bis zum darauf folgenden Weißen Sonntag bleibt die Darstellung aufgebaut: „Das Grab ist leer. Der auferstandene Christus ist Sieger über den Tod“.

                                            

Bei der Jahreshauptversammlung des „Krippenbauvereins“ im Herbst 2004 erzählte man dem neuen Pfarrer Magnus König von der Existenz eines Heiligen Grabes. Er war sofort Feuer und Flamme und bat die Krippenbaufreunde, das geplante Vorhaben in die Tat umzusetzen. Kirchenpfleger Josef Gell und die Kirchenverwaltung unterstützten die Restaurierung des Hl. Grabes. Aus Fotos der gefundenen Teile fertigte Josef Reischl vier Modelle an, die zeigen sollten, wie das Hl. Grab einmal ausgeschaut haben könnte. Es gibt nämlich davon kein einziges Foto. Auch ältere Mitbürger hatten nur noch eine vage Vorstellung. Zudem wurde das Heilige Grab auf dem langen Weg durch die drei oder vier Kirchen immer wieder umgebaut und den jeweiligen Gegebenheiten angepasst. Viele Teile fehlten, Bildtafeln wurden einfach abgeschnitten, vielfach sogar schräg, vom Altartisch war nur noch das geschwungene Vorderteil vorhanden.

 

                                            

Foto: Modell 1 Modell 2 Modell 3 Modell 4

 

Nach Beratungen mit mehreren Fachleuten entschied man sich für das 4. Modell. Es nimmt weniger Platz ein, zeigt die Malereien am besten, verursacht den geringsten Aufwand beim Restaurieren und hat wieder das Konzept eines Flügelaltares. Die fehlenden Teile sind weiß dargestellt.

Gleich am ersten Werktag nach den Weihnachtsfeiertagen gingen die Krippenbaufreunde im Werkraum der Volksschule Schaibing an die Arbeit.

                                            

Bald merkte man, dass die Arbeiten doch umfangreicher und vor allem zeitaufwändiger werden und man zog in die Ortschaft Hundsruck um und richtete sich in der Werkstatt von Hans Hell für längere Zeit ein

 

Viele Teile galt es mit Umsicht und Sachverstand in den eigenen Werkstätten der Krippenbauer zu erneuern, zu ergänzen und zu drechseln. Das vorhandene Material wurde dabei gewissenhaft im Originalzustand erhalten.

Nach Abschluss der reinen Schreiner- und Drechslerarbeiten fanden die Krippenbaufreunde ab.Januar 2005 bis Mitte März im Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr Hundsruck eine Bleibe für die weiteren Arbeiten .

 

Christian Goller, akademischer Kirchenmaler und Restaurator, begleitete die Arbeiten mit seinem fachlichen Können und war viele Stunden in der Werkstatt in Hundsruck. Die großen Bildtafeln mit den neu angesetzten Holzflächen bemalte er in seiner Künstlerwerkstatt in Gebrechtsmühle so geschickt, dass man alt und neu kaum unterscheiden kann. Dabei legte er größten Wert darauf, dass die die alten Teile im Originalzustand erhalten blieben.

                                            

Die fehlenden und nicht mehr auffindbaren Glaskugeln ließ der Schaibinger Glaskünstler Helmut Mayer in der Glasmanufaktur Poschinger in Frauenau anfertigen. Früher waren die Glaskugeln mit gefärbtem Wasser gefüllt, dem Öl oder zerlassenes Schweineschmalz beigefügt war. Dahinter war eine brennende Kerze angebracht, die das gefärbte Wasser erwärmte und in Kreisbewegung versetzte, was das typische Flackern der Glaskugeln erzeugte. Bezüglich der Beleuchtung gab es deshalb längere Debatten: Brandgefahr, Rauchentwicklung, Geruchsbelästigung, umständliches Kerzenwechseln. Deshalb entschied man sich nach Beratung durch Fachleute für eine entsprechende elektrische Beleuchtung mit elektronischer Steuerung für das typische Flackern der Kugeln.

Am Sonntag, 13.März 2005 wurde das Heilige Grab im Rahmen eines abendlichen Passionssingens erstmals der Pfarrbevölkerung gezeigt und durch Pfarrer Magnus König feierlich geweiht.

                                                

Nach Christian Goller und Alois Brunner dürfte es zwischen 1860 und 1890 entstanden sein. Es vereinigt mehrere Stile: Historismus, romantische und sogar orientalische Einflüsse, Jugendstil und den so genannten „Nazarenerstil“. Zwei Bildtafeln zeigen grimmig schauende, bewaffnete Wächter vor dem Grab. Zwei Bildtafeln beinhalten treffende Darstellungen der Waffen und Marterwerkzeuge, sowie das Schweißtuch Jesu. Der große Mittelteil beinhaltet eine Art Tabernakel für die Monstranz und für die wunderschöne Christusfigur, weiter vier kunstvoll gearbeitete Kerzenhalter aus Messing. Zu beiden Seiten knien zwei Engel. Darüber steigt eine große Rauchwolke auf, umgeben von vielen Engeln, die schließlich eine herrliche „Gloriole“ um das leere Kreuz bildet und ausmündet ganz oben in einer hervorragenden Darstellung des „Agnus dei - Lammes“. Christian Goller ist der Ansicht, dass der Mittelteil später entstanden sein dürfte und vielleicht sogar von einem anderen Künstler stammen könnte. Auffallend schön ist die Apsis des Altares, leicht nach oben geschwungen mit je zwei prächtigen Säulen. Darunter befindet sich das eigentliche Felsengrab mit einem wunderschönen Gemälde vom Leichnam Jesu.

                                       

Die Krippenbaufreunde blieben nicht untätig. Sie holten Informationen über Heilige Gräber ein, besuchten Museen und Ausstellungen. Im Museum für Volkskunde in Haslach im Mühlviertel erlebten die Schaibinger etwas Kurioses: Erwin Rechberger sagte, als Josef Reischl ihm Fotos zeigte, spontan: “Genau das suche ich seit vielen Jahren! Dass es so was überhaupt noch gibt! Ich kaufe euch das Kunstwerk ab!“ Fachleute und Gutachter wurden eingeladen. Kirchenpfleger Josef Gell begleitete die Aktivitäten sehr interessiert. Kreisheimatpfleger Helmut Rührl war überrascht, dass in dieser Region plötzlich so ein Kunstwerk auftaucht: „Ihr wisst wahrscheinlich gar nicht, welche Kostbarkeit ihr da habt.“ Konsulent Alfred Zehetner, passionierter Heimatforscher im österreichischen und bayerischen Raum, meinte: “Ein beachtliches, religiöses Kunstwerk, das es verdient, wieder aufgestellt zu werden.“Christian Goller aus Gebrechtsmühle bei Untergriesbach, als akademischer Kunstmaler und Kirchenrestaurator im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt, sprach spontan von einem beachtenswerten religiösen Werk, zwar einfach in der Darstellung, aber aussagekräftig in der Thematik. Das Heilige Grab harmonisiere mit den Vorhandenen Farben in der Schaibinger Kirche und füge sich als Kunstobjekt durchaus in den modernen Raum ein.

                                  

Hierzu Bild mit Restaurator Christian Goller in seiner Werkstatt in Gebrechtsmühle

Der Kulturchef des Landkreises Passau Dr. Wilfried Hartleb gratulierte den Schaibingern zu diesem Besitz. Er verstehe nicht, warum man dieses großartige Werk einfacher Frömmigkeit nicht schon längst aufgebaut habe. Der Kunstreferent der Diözese Passau, Alois Brunner, betonte, Heilige Gräber habe es vielerorts gegeben. Fast alle seien verschwunden, weil sie nicht mehr zeitgemäß gewesen seien. Er bat die Krippenbaufreunde eindringlich, sich der schwierigen Restaurierung anzunehmen. Das als Flügelaltar gebaute Heilige Grab sei eine kunstvolle Darstellung der Ostergeschichte, ein großartiger Ausdruck von Volksfrömmigkeit und in dieser Art weitum, wahrscheinlich sogar in der Diözese Passau, einmalig.

 

Entdeckung:

 

Genau wie oben beschrieben erging es auch dem Heiligen Grab von Schaibing, aber glücklicherweise mit einem guten Ausgang. Doch alles der Reihe nach:

Für den Krippenbauverein hat die „Sache mit dem Heiligen Grab“ eigentlich schon im Dezember 1995 begonnen, als der damalige Pfarrgemeinderatsvorsitzende Josef Reischl auf der Suche nach verlegten Nikolausutensilien auf dem Sakristeispeicher eine geschnitzte, rote Siegesfahne entdeckte, die zu einer Figur des auferstandenen Jesus gehören musste. Diese besagte Figur fand er schließlich ganz woandes, nämlich im Kirchturm. Weil jedes Jahr an den Kartagen in der Schaibinger Kirche hinter den Granitsäulen des Marienaltares eine gemalte Darstellung des Leichnams Jesu im Grabe eingeschoben wird, schloss er daraus, dass dies wohl von einem Heiligen Grab stammen müsse. Auf einer höher gelegenen Etage des Kirchturms fand er tatsächlich hinter Brettern und Balken, verdeckt von einem davor gestellten Schrank das vermutete Heilige Grab, schöne Bildtafeln, mit den gemalten Flächen an die Turmwand gestellt. Er teilte seine Entdeckung Pfarrer Lothar Zerer und Kirchenpfleger Josef Gell mit. Man schaffte die Teile zum Zusammenbauen in die Kirche hinunter, merkte bei dem Puzzle-Spiel jedoch sehr bald, dass nicht recht zusammen passen wollte, ja einiges fehle.

                                        

Bild : Hinter Brettern und einem Schrank war das Kunstwerk auf dem Kirchturm gelagert

Bei der Begasungsaktion des Kirchenraumes 1998 veranlasste Kirchenpfleger Josef Gell wohlweißlich, dass die hölzernen Teile des Grabes auch einer Behandlung unterzogen wurden. Nach dem Bau der großen orientalische Weihnachtskrippe im Jahr 2000 wollten die Krippenbauer gleich das alte Kunstwerk restaurieren und der Pfarrei zum 50. Kirchweihjubiläum schenken. Verschiedene Gründe verhinderten jedoch das Vorhaben.

Herkunft:

Das aufgefundene Grab bestand aus 10 Holzteilen. Auf jedem Teilstück ist auf der Rückseite noch der Versandzettel der Deutschen Reichsbahn angebracht aus dem Jahr 193- . Die letzte Zahl ist nicht ausgefüllt worden. Absendeort ist Sulzbach, als Absender ist ein „Sanladerer“ angegeben. Zielort war Untergriesbach. Das religiöse Kunstwerk dürfte also ursprünglich in der Pfarrei Sulzbach im Rottal gestanden haben. In den 30 er Jahren kam es schließlich nach Untergriesbach. Ob es dort aufgebaut wurde, ist nicht mehr feststellbar. Sicher ist zudem, dass in der Pfarrkirche Untergriesbach auf dem Hochaltar einmal ein Heiliges Grab existierte, einige Teile davon sind noch erhalten. Als der damalige Untergriesbacher Kooperator zum 1.März 1936 Expositus (ist ständiger Seelsorger) von Schaibing wurde, hat er das Heilige Grab für die 1935 gebaute hölzerne Notkirche mitgebracht. Ältere Pfarrbürger können sich noch gut daran erinnern, wie es in der Karwoche vorne links aufgestellt war und mit den flackernden Lichtern hinter den farbigen Glaskugeln immer so weihevoll und gespenstisch gewirkt hat. Gelagert war es das Jahr über in der nahen Scheune des Bauernhofes Kümmeringer. Nach 18 Jahren machte das Grab den Umzug in die im September 1953 geweihte neue Kirche zwar mit, es landete aber dann doch als „altes Gelump“ auf einer Etage des Kirchturmes, weil es in dem modernen Kirchenraum nicht mehr zu passen schien.

Und gerade über diesen Umstand sind Josef Reischl und Kirchenpfleger Josef Gell überaus glücklich, weil die einfache, aber sinnenhafte Darstellung des Ostergeschehens in der Euphorie des „Betonzeitalters“ in den 50 er und 60 er Jahren nicht der allgemeinen Zerstörungswut in den Kirchen zum Opfer gefallen ist, sondern in einen über 50 jährigen „Dornröschenschlaf“ im Schaibinger Kirchturm geschickt wurde, aus dem es nun die Krippenbauer erweckt haben

BGR Karl Prinz (Pfarrer in Schaibing von 1951 bis 1960) und BGR Paul Poppe(Pfarrer in Schaibing von 1963 bis 1994) wurden über das Hl. Grab befragt. Beide sagten, sie wüssten nichts von einem Heiligen Grab in der Schaibinger Pfarrkirche. Auch die langjährige Mesnerin Therese Vogl und ihr Gatte bestätigten, ihnen sei nie etwas von einem Heiligen Grab untergekommen. Sie alle kannten nur die Gemäldetafel mit dem Leichnam Jesu, die immer unter den Seitenaltar eingeschoben wurde. So gut war also das Heilige Grab auf dem Turm aufgeräumt!